Süße Träume
Vor einigen Monaten war ich mal wieder richtiger Lokführer. Da durfte ich abends einen lokbespannten Zug von Ulm nach Oberstdorf fahren. Da diese Garnitur erst am nächsten Morgen wieder benötigt wurde, musste ich den Zug dort abstellen, das bedeutet, der Zug musste durch Anziehen der Handbremse auf der Lokomotive gesichert werden. Und damit es die Fahrgäste am nächsten Morgen schön warm haben, werden die Wagen an die stationäre Stromversorgung angeschlossen und diese auf die Einsatzzeit programmiert. Aus Sicherheitsgründen ist dazu vorher das Kabel der Zugsammelschiene zwischen der Lokomotive und dem ersten Wagen zu trennen. Die Zugsammelschiene ist ein Stromkabel, das durch den ganzen Zug verläuft und zur Stromversorgung und Heizung der Wagen dient. Sie wird immerhin mit 1000 Volt versorgt, die dann möglicherweise im Maschinenraum der Lokomotive irgendwo anliegen könnten.
Nach der Ankunft in Oberstdorf hatte ich erst mal den Steuerwagen abgerüstet und den Bremsschlüssel in die Jackentasche gesteckt, um ihn nachher auf der Lokomotive zu deponieren. Nach Beendigung aller Arbeiten fuhr ich außer Dienst zu meiner Dienststelle zurück und begab mich nach einem kurzen Schwätzchen mit dem Lokleiter von dort aus nach Hause. Es war schon spät und ich hatte am nächsten Tag wieder Dienst, sodass ich mich bald meiner wohlverdienten Nachtruhe zuführte und mich bis morgens ins Reich der Träume begab.
Bis etwa morgens um sieben…
Als pflichtbewusster Eisenbahner ist man selbstverständlich auch nachts mit der Eisenbahn beschäftigt, also träumte ich, wie ich abends in Oberstdorf vom Steuerwagen zur Lokomotive ging. Dabei erschrak ich so fürchterlich, dass ich davon aufwachte!!! 😱 Ich hatte doch nicht etwa den Bremsschlüssel in der Jackentasche vergessen, anstatt ihn auf der Lokomotive ins Bremsschloss zu stecken? Aufgeregt stand ich auf und ging zur Garderobe, wo mein Lokführer-Blouson hing. Ein Griff in die rechte Seitentasche offenbarte mir dann, dass das von mir befürchtete Elend tatsächlich Realität war. Danach schossen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Es wird doch wegen so eines kleinen Schlüssels nicht womöglich der Zug ausgefallen sein? Damit fuhren immerhin morgens die Berufspendler zur Arbeit und die Schüler in die Schule.
Wo hätte nur der Kollege, der morgens den Zug übernahm, einen zweiten Bremsschlüssel hernehmen können? Gut, man könnte von einer der InterCity-Loks, die erst viel später fuhren, einen ausleihen und später einen neuen hinbringen lassen. Viele der Kollegen haben aber auch eigene Bremsschlüssel am Schlüsselbund. Vielleicht ist er ja damit bis Kempten gefahren und hat sich dort einen neuen bringen lassen. Mit dem Bewusstsein, dass ich jetzt sowieso nichts mehr ändern konnte, versuchte ich mich wieder zu beruhigen und legte mich noch ein bisschen hin.
Nachmittags hatte ich wieder Dienst. Neugierig streckte ich meinen Kopf durch die Tür der Lokleitung in Erwartung eines Anschisses. Aber nichts passierte.
Am Sprudelautomat im Weisungsraum füllte ich meine Trinkflasche auf. Dann schaute ich auf die Dienstplanaushänge, welchen der Kollegen es wohl am Morgen getroffen hatte. Aha: Der Obelix war's. Da hat's ja genau den richtigen getroffen. Unter dessen Unachtsamkeit hatte ich auch schon einige Male zu leiden.
Gut, es nützt alles nichts, ich war ja schließlich nicht zu meinem Vergnügen da, also ging ich in Begleitung eines Kollegen rüber zum Bahnhof. So und wie es natürlich der Zufall so wollte, kam mir ausgerechnet am Tor der Herr Obelix entgegen. Selbiger wollte mich dann gleich am Kragen packen und durchschütteln, doch ich war schneller und versteckte mich hinter dem anderen Kollegen. Als ich flehend hinter diesem hervorblickte, fragte mich der Obelix:
„Warst du etwa derjenige, der das Kabel der Zugsammelschiene aus der Lokomotive herausgezogen hatte? Als ich in Immenstadt den Führerstand wechselte und auf den Steuerwagen ging, hatte ich mich schon gewundert, dass es im Zug so kalt war. Kurz vor Dietmannsried ging dann auch noch im Fahrgastraum das Licht aus."
„Tja lieber Kollege, da bin ich leider vollkommen unschuldig. Schließlich gab es da mal eine Weisung, nach der man vor Anschluss des Zuges an die stationäre Stromversorgung die Verbindung an der Lokomotive zu trennen hat. Selber schuld, wenn du nicht dran denkst! Aber wo ich dich gerade treffe: Ist dir eigentlich aufgefallen, dass da gar kein Bremsschlüssel da war?" 😅
Es hatte sich dann herausgestellt, dass er das gar nicht registriert hatte. Am Fahrzeugschlüsselbund der Lokomotive war noch ein zweiter Bremsschlüssel. Außerdem war er einer der Kollegen, die einen eigenen hatten.
An dieses Durcheinander denke ich jetzt jedes Mal, wenn ich diese Schicht habe. Ich habe aber den Bremsschlüssel seither nicht mehr vergessen! 😊