Bahngeschichten

Erlebnisse aus dem Alltag eines Lokführers im Allgäu.

Pannenhilfe

Sommer 2004

Ich bin gerade am Überlegen, ob ich den ADSC gründen soll, den „Allgemeinen Deutschen Schienentriebfahrzeug Club", da ich heute als eine Art gelber Engel unterwegs war, naja, eigentlich mehr so hellblau (nicht, dass da Missverständnisse auftauchen: Es war die Farbe meines Fahrrad-Trikots 😊).

Bei dem schönen Wetter hab ich mir gedacht, müsste man mal wieder ein bisschen radeln gehen, wozu wohnt man jetzt schließlich im Allgäu. Ich hab mich also zusammengepackt, bin erst in Durach den Berg runtergeradelt und Richtung Sulzberg wieder den Berg hoch. Unterwegs ist mir mal wieder dieser Wegweiser zum „Reichsadler" aufgefallen. Dieses Mal hat dann doch die Neugier über meine Kondition gesiegt und ich dachte mir, ich muss der Sache mal auf den Grund gehen. Nach 1,2 km hab ich ihn dann gefunden: Es ist der Gasthof direkt neben dem Bahnhof Jodbad-Sulzbrunn – mit Biergarten – gut zu wissen 😊. Von dort aus gab's dann zwei Möglichkeiten: Entweder den Berg runter und dann wieder hoch, oder zuerst hoch und dann wieder runter. Ich hab mich dann für letzteres entschieden. Circa einen halben Kilometer vor Bodelsberg führte der Weg rechts neben dem Bahngleis entlang, als ratternd und pfeifend ein 628.2 den Berg hoch fuhr. Bei der Vorbeifahrt ein Blick in den Führerstand: Mist! Kollege Heinrich S. fuhr. Dann hat sich das mit dem Anrufen und Fragen, ob er zu Hause ist und man auf ein Bier vorkommen könnte, auch erledigt. Schade 😢.

Heinrich war Lokführer in Mönchengladbach und wollte sich den Wunsch erfüllen, im Allgäu zu fahren. So hat er sich vor zwei Jahren hierher beworben und wohnt seitdem im Sommer wie im Winter im „Hotel Laubfrosch", seinem Wohnwagen auf dem Campingplatz am Öhrlesee in Sulzberg. Er ist jemand, der mit seiner fröhlichen Art und seinen Ideen öfter mal etwas Stimmung in die Firma bringt. Wir haben schon beschlossen, dass wir Unterschriften sammeln werden, falls er wieder zurückversetzt werden sollte (Tf Artur W.: „Den geben wir nicht mehr her!").

Nun gut, ich bin dann weitergeradelt und hab schon gedacht, er wäre über alle Berge, als ich um eine Kurve herum kam und ihn in einem Einschnitt mitten auf der Strecke stehen sah. Weit und breit kein Signal oder sonst was in der Nähe, da konnte also irgendwas nicht stimmen. Aber schließlich saß ja der Heinrich auf dem Zug, dem muss man schließlich helfen. Ich hab also die nähere Umgebung inspiziert und ausgekundschaftet, wie man am günstigsten zu dem Zug hinkommen könnte. Geschickterweise führte in die Richtung ein Weg zu einer Scheune und von da konnte man über eine Kuhweide fast bis ganz hingelangen. Von weitem hab ich schon gesehen, dass noch eine Kollegin vom Prüfdienst neben Heinrich auf dem Führerstand war. Auf die Entfernung konnte ich zwar nicht hören, was sie sagte, aber der Gestik nach muss es wohl gelautet haben: „Du guck mal, wer da kommt!" 😊

Ich hab dann mein Fahrrad liegen gelassen und bin zu Fuß den Damm runtergeklettert, wo ich ausgerutscht bin und mich gleich mal in die frischen Brennesseln gesetzt habe 😞. Sie haben mich dann reingelassen und mir erklärt, dass der Motor wohl etwas zu heiß geworden wäre und sie eine Kühlpause einlegen mussten. Das kommt beim 628.2 um diese Jahreszeit gelegentlich mal vor, wenn die äußerst filigranen Kühlrippen des Kühlers sich mit Blütenstaub zusetzen. Die Wiesen rundherum waren ja mehr gelb als grün vom Löwenzahn.

Heinrich fragte dann noch, ob ich nicht rausgehen und ein bisschen pusten möchte, damit der Motor schneller abkühlt. Zum Glück bin ich da aber noch drumrum gekommen, denn nach einer Weile ging's dann von alleine wieder. Vor der Weiterfahrt habe ich aber sicherheitshalber noch darauf hingewiesen, dass ich eigentlich gerne wieder hier aussteigen wollte. „Gut, aber dann pass auf, dass du nicht wieder in den Brennesseln landest!" 😊

Auf meiner Heimfahrt ging's zum Glück fast nur noch bergab. Trotzdem hatte ich daheim dann auch Probleme mit dem Kühlwasser, nämlich akuten Mangel, sodass ich bei mir zwei Flaschen dunkles Meckatzer Hefe-Kühlwasser mit integriertem Korrosionsschutzmittel auf Weizenextraktbasis nachfüllen musste. 😄

Es ging wohl ohne Probleme weiter 😊