Warum sich beim Rangierer in Oberstdorf eine Ratte im Kühlschrank befindet
Ich weiß ja jetzt nicht, ob es überall üblich ist, sich über Leute, die aus anderen Gegenden stammen, lustig zu machen, aber seit ich vor drei Jahren von Stuttgart nach Kempten gezogen bin, musste ich mir so einiges an unqualifizierten Kommentaren und Gelächter anhören. In Plochingen gehörte man als Schwabe ja einer geschützten Minderheit an. Etwa fünfundsiebzig Prozent der circa dreihundert Lokführer dort stammten aus den neuen Bundesländern. Die Schwaben konnte man zwar nicht an einer Hand abzählen, aber zwei hatten da schon gereicht 😊. In Kempten gibt es aber scheinbar keine schützende Hand über uns, obwohl wir hier sogar nur zu zweit sind 😢.
Kurz nachdem ich hier anfing, wurde ich zum Beispiel mal gefragt, ob ich aus dem Württembergischen stamme. Auf meine Gegenfrage hin, ob das schlimm wäre, hieß es dann: „Hah, a bissle schäma kenntschd du scho!" Andere Kollegen wiederum schauen jedesmal wenn sie mich sehen nach, ob ich gelbe Füße habe, oder ich muss die Betitelung „Würschtlesberger" über mich ergehen lassen 🤔.
Oberstdorf ist einer der Endbahnhöfe in dem von mir befahrenen Streckennetz. Dort ist der Pausenraum des Bahnhofsrangierers im Fahrdienstleitergebäude der bevorzugte Aufenthaltsort von Pause machenden Eisenbahnern. Es befindet sich dort eine kleine Miniküche mit einer vielbenutzten Kaffeemaschine, einer Kochgelegenheit und einem Kühlschrank.
Einer der Rangierer mit Namen Bernd ist auch einer derjenigen, die ständig einen blöden Kommentar bezüglich meiner Herkunft auf den Lippen hatten. Der Gipfel der Frechheit war allerdings erreicht, als ich im Januar dieses Jahres eines nachmittags in der Tür stand und Bernd, als er mich bemerkte, zu seinem Kollegen sagte: „Du Luggi, kennschd' den Spruch: Lieber an Ratz im Kühlschrank, als an Schwob im Hausgang." Ich stand dann so in der Tür, mit der einen Hand am Türrahmen abgestützt, die andere in die Hüfte gestemmt 😎, und musste erst mal tief Luft holen. Anschließend entgegnete ich dann: „Ich werde dir schon 'ne Ratte besorgen und in den Kühlschrank legen, dann werden wir schon sehen, was dir wirklich lieber ist!"
Im weiteren Verlauf der Pause, während der mir ständig ein Gedicht von Karl Valentin im Kopf herumgeisterte, welches lautet:
Zwei Katzen fingen eine Maus,
Da kam sie ihnen wieder aus;
Da dachten sich die beiden Katzen:
Das nächste Mal fang ma an Ratzen.
reifte in mir schließlich ein Plan heran. Mit dem Hintergedanken „na warte, dir werd' ich schon helfen" besuchte ich ein paar Tage später bei einem Stadtbummel in Kempten ein Kaufhaus und begab mich dort in die Spielwarenabteilung, genauer gesagt zu den Stofftieren. Dort fand ich dann auch genau das, was ich suchte, nämlich ein Regal voll mit diversen Plüsch-Nagetieren. Unter anderem gab es dort für drei Euro ein sitzendes Tier mit einem Keks in den Pfoten, welches als „Maus" deklariert war, meiner Meinung nach jedoch durchaus auch als Ratte durchgehen konnte. Ich dachte mir dann nur noch, 'die drei Euro kann ich für den Jux schon investieren', und schleppte das Vieh an die Kasse.
Bei meiner nächsten Schicht, die mich nach Oberstdorf führte, stopfte ich die Maus dann in meinen Rucksack. Leider war an diesem Tag dort kein Bernd anwesend. Aber angesichts der Tatsache, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Bernd die Kühlschranktür gerade während meiner Anwesenheit öffnet, sowieso sehr gering war, beschloss ich, die Maus trotzdem dort zu deponieren – schön oben in die Mitte gesetzt, damit man sie auch sofort sieht. Dann habe ich noch vorsichtshalber den Fahrdienstleiter und die anderen anwesenden Kollegen instruiert, damit nicht jemand auf die Idee kommt, die Maus wieder zu entfernen.
Am nächsten Tag hatte Bernd wieder Dienst – und schaute in den Kühlschrank…
Ich war leider nicht da, aber nach dem, was man mir später erzählte, muss ich mit der Aktion wohl voll ins Schwarze getroffen haben 😄.
Die Maus befand sich noch jahrelang in dem Kühlschrank 😊.