Tu nichts Gutes und dir passiert nichts Schlechtes
Am 21. Dezember 2003 hätte ich ja eigentlich von 12:00 bis 20:00 Uhr Bereitschaft gehabt – was in der Regel bedeutete, 642er tauschen zu fahren. Mit diesen unzuverlässigen Fahrzeugen hatte man ständig Ärger. Da war ich richtig froh, dass ein Kollege kurzfristig ausgefallen war und ich seine Schicht zu Ende fahren durfte.
Ich löste also in Kempten einen Wendezug – geschoben von einer 218 – ab und düste damit nach München. Anschließend fuhr ich mit der Sausebahn zur Donnersberger Brücke und ging von dort zu Fuß zur Vorstellgruppe Nord (Vn), einer von vielen Abstellbahnhöfen in München. Dort hieß es, vier 612er aufzurüsten und in den Hauptbahnhof zu stellen. Mit diesem Zug sollte ich dann nach Lindau fahren, wobei die letzten zwei Fahrzeuge in Kempten abgehängt werden sollten.
Drei Fahrzeuge waren schon gekuppelt, einer stand noch getrennt. Ich verglich gleich mal die Fahrzeugnummern, die man mir in der Lokleitung gegeben hatte und stellte dabei fest, dass die mittleren beiden vertauscht waren. Ich als pflichtbewusster Mitarbeiter rief also gleich mal die Lokleitung in Kempten an und fragte nach, ob das was ausmacht. „Naa, naa, des stimmt so net, die schtenga verkehrt, aber du hoscht jo no Zeit, no konscht des jo no richten!" Ich hab dazu dann nur scherzhaft gemeint: „Hätt' ich doch bloß die Klappe gehalten." Der Lokleiter meinte dazu aber: „Nein, nein, das hascht du guuut gemacht."
Nach einem tiefen Seufzer hab ich dann also angefangen, Eisenbahn zu spielen und die Fahrzeuge umzurangieren. Nur schade, dass ich keinen Ablaufberg zur Verfügung hatte, sonst wär's vielleicht schneller gegangen. 😄
Nachdem ich eine dreiviertel Stunde hin- und hergefahren bin und dabei mit der „für den Eisenbahnbetrieb notwendigen Raschheit, jedoch ohne Überstürzung" die Führerstände gewechselt hatte, passte dann alles. Der Weichenwärter Vn hat nur staunend zugesehen. Fünf Minuten vor Abfahrtszeit stand ich dann durchatmend und verschwitzt mit meinem Zug am Bahnsteig. Um 16:19 war Abfahrt nach Lindau.
In Höhe des ehemaligen Bahnhofs Pforzen, etwa in der Mitte zwischen Buchloe und Kaufbeuren, funkte mich der Fahrdienstleiter von Kaufbeuren an: „Die Strecke zwischen Biessenhofen und Günzach ist gesperrt, da ist der Alex mit Lokschaden liegengeblieben. Ich lass dich jetzt mal bis Biessenhofen und wenn der Gegenzug vorbei ist, kriegst du Zs8 und fährst auf dem Gegengleis bis Günzach, dort lassen wir dich dann wieder rüber aufs richtige Gleis."
So war's dann auch. Ich fuhr im Gegengleis Richtung Günzach. Da wir seit Fahrplanwechsel nach unserem elektronischen Buchfahrplan fuhren, musste ich nur am Display auf „GW" drücken und schon hatte ich die Fahrplandaten für das linke Gleis. Beim sogenannten „Fahren auf dem Gegengleis mit Signal Zs8" muss eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h eingehalten werden. Kurz vor der Aitranger Kurve musste ich den Zug wegen einer nicht signalabhängigen Weiche, die gegen die Spitze befahren wurde, auf 50 km/h herabbremsen. Durch die Aitranger Kurve ging's dann mit 80 km/h und danach weiter mit 100 km/h. Es geht dort zwar stark bergauf, aber meine vier 612er beschleunigten zügig. Ein Stück hinter der Aitranger Kurve traf ich dann auf den Alex, der schon eine Hilfslok vorne dran hatte und wieder fuhr. Allerdings war ich schneller als er und so zog ich mit Tempo 100 links an ihm vorbei. Vor dem letzten Fahrplanwechsel hatten wir diese Züge noch gefahren.
Längere Zeit später – in Kempten wurden mittlerweile die letzten beiden Triebwagen abgekuppelt und abgestellt – war ich mit meinem Zug gerade kurz vor Röthenbach, als mich die Lokleitung anrief und nach Strich und Faden zusammenstauchte, wieso ich denn die Fahrzeuge falsch mitgebracht hätte. Es wären in Kempten die falschen abgestellt worden, er hätte den 083 gebraucht und jetzt hat er stattdessen den 150. Da ich mir aber keiner Schuld bewusst war, kam es zu einer kurzen Diskussion, worauf der Lokleiter dann meinte: „Naja, lass mal gut sein!"
Zähneknirschend legte ich den Hörer auf. Zwei Minuten später klingelte wieder das Handy: „Kommando zurück, du bist vollkommen unschuldig! Die Züge sind im Computer falsch eingegeben worden! Du hast schon alles richtig gemacht! Wir sind schuld!" Laut Computer sollten nämlich der zweite und der vierte Zugteil in Kempten abgehängt werden – was ich mir allerdings etwas umständlich vorstelle. 😊 Die Züge waren also in München richtig dagestanden und die ganze Rangiererei in der Vn war komplett für die Katz. Hätte ich mich doch bloß doof gestellt und die Fahrzeuge so mitgenommen, wie sie waren. 🤔
Und was lernen wir wieder einmal daraus? Das, was ein Plochinger Kollege immer sagte: „Tu nichts Gutes und dir passiert nichts Schlechtes!" 😊